"Mit Andre kann nix passieren"

6. Novi Grad Marathon
27.5..2018

Bericht von Peter Maier

Wo genau liegt eigentlich Bosnien und Herzegowina? Na zwischen Kroatien, Serbien und Montenegro. Und das ist damit als Länderpunkt-sammler mein letztes Land von Ex Jugoslawien.
25.05.: Andre und ich nehmen kurz nach Mitternacht um 0:30 Uhr den FlixBus nach Zagreb. Über die Stationen Prag und Wien kommen wir pünktlich 12:20 Uhr mittags in Zagreb an. Im Bus Schlafen trotz vieler Schlaftabletten klappte mal wieder nicht. Andre hatte das Mietauto gebucht (Foto), eine Renault Clio Kombi und er manövrierte uns ganz sicher durch Zagreb, so, als wäre er schon immer dort zu Hause. Über 3 Stunden fuhren wir dann u.a. über die kroatische Grenze und rüber nach Bosnien und Herzegowina, wo wir dann gegen 17 Uhr im Motel New Sanatron ankamen.
Wir bezogen das Zimmer und hatten eine geile Sicht auf die Flüsse Sana und Una, die sich direkt vor unserer Nase vereinigten.

Wir unternahmen dann gleich einen Spaziergang über die Brücke und rüber nach Novi Grad. Highlights…? Erst mal keine. Aber es gab ein paar Kneipen, wo wir doch noch was zwischen die Kiemen bekamen. Und es gab eine tolle Gulaschsuppe mit geheimnisvollem Inhalt. Abends der Rückzug ins Hotel und der Versuch zu schlafen. Verflucht, erst jetzt bemerke ich, dass wir das Zimmer auch direkt an der Straßenkreuzung erhalten hatten, Hupen und Straßenlärm, grölende Motoren inclusive.

26.05.: Zerknirscht stehe ich auf, wir bekommen ein paar Eier als Frühstück, Kaffee exklusive. Ich trödele herum und Andre ist schon bald zum leichten Jogging verschwunden. Später nehmen uns das Mietauto und wollen die Marathon-strecke für morgen etwas erkunden. Kaum ein paar Ortsnamen können wir sehen, aber wir sollten ja am Fluss entlangfahren, erst links, dann rechts, dann links… In der Ebene sind viele halbfertige und leergewohnte Häuser. Scheinbar wird hier immer erst weitergebaut, wenn wieder Geld flüssig ist. Oh Gott, nach einer Weile muss ich Andre beichten, dass ich ihn in die falsche Richtung gelotst habe, hatte den Zettel bzw. die Tour irgendwie falsch herum gehalten. Anstatt dem Örtchen Javornik am Fluss Una fuhren wir durch Blagaj Rijeka am Fluss Sana, nun ja, passiert eben.

Aber egal, wir haben ja Zeit. Da hinten sind auch Berge zu sehen. Mit dem Auto sind wir schnell näher, fahren dann einfach der Nase nach. In Kozarac biegen wir links ab und es geht immer höher. Viele kleine Serpentinen und dann sind wir im „Kozara National Park“.

Prima, auch nicht schlecht. Ein Käffchen müssen wir uns hier an der Raststätte „Bijele vode“ genehmigen. Nach der Rückfahrt bis zum Hotel fahren wir über den Fluss Sana auf die andere Seite und diesmal richtig bis nach Rudice, der 35 km Marke von dem morgigen Marathontag. Fahren weiter bis an die 10 km Marke ca. bei Donji Dubovik. Die Strecke verläuft also über kleine Landstraßen, etwas hügelig, Okay, das reicht, wir kommen wieder zurück. Nach einem wohlschmeckenden Orangensaft in Novi Grad fahren wir zurück ins Hotel, ich will mich n biss‘ l ausruhen. Wir gehen nach der Pause wieder rüber über den Fluss und zur 18 Uhr stattfindenden Pasta Party. Wir werden ganz großartig von den Organisatoren empfangen und bekommen sofort Freibier und Pasta zu essen, so viel wir wollen, unglaublich. Und das schmeckt! Inzwischen sind auch andere Läufer eingetroffe und vom Country Marathon Club sind wir 8 Gleichgesinnte. Ein gemeinsames Foto gehört dazu.

Wir sind eigentlich hier alles Verrückte, denk ich. Da ist z. B. Dan Micola, der voriges Jahr 58 Marathonländer in 365 Tagen läuferisch gemeistert hat. Weltrekord! Selbst ein paar Drinks anschließend in einer Bar gehören mit zum Startgeld von unglaublich wenigen 16 € dazu!

Marathontag: 27.05.: 8:30 Uhr soll am Busstel-lplatz drüben in Novi Grad, wo auch später das Ziel ist, die Abfahrt sein. Langsam pilgern Andre und ich nach dem Eierfrühstück rüber zu den bereit stehenden Bussen. Und ab geht’s. Die Busse fahren die gesamte Marathon-strecke, die wir gestern mit dem Auto auch bis km 10 abfuhren, bis zum Start. Das müssen wir mal eben alles zurück-laufen. Entsetzlich, was der Bus für Hügel dann die letzten Kilometer bis zum Start rauf- und runterfahren muss. Und das bei später über 30 Grad? Das wird wohl gar nicht spaßig. Wir stellen uns am Start im Örtchen Hašani auf, geschätzt bei 2 Bussen also ca. 90 Läufer. 10 Uhr geht’s los. Andre wollte Bestzeit laufen, aber auf dieser harten Strecke? Das hatten wir vorher nicht so auf dem Schirm. Die ersten 3 Kilometer sind mörderisch. Rauf und runter, rauf und runter, die Lunge ächzt und stöhnt, es beißt im Brustkorb,

Die Beine brennen, unglaublich, diese Anfangsstrecke. Das Läuferfeld zieht sich sofort auseinander. Die Ersten sind meinen Blicken schnell entschwunden. Andre auch. Ich wünsche ihm gedanklich viel Kraft und ein gutes Händchen für das richtige Tempo!Ich hatte mit den Organisatoren ausgemacht, dass ich sicherlich als Letzter im Ziel ankommen werde. „Kein Problem“, sagten sie mir, ganz locker „Keep calm“.„Wir warten auf dich“, „prima Jungs“, das ist eine tolle Geste. Wie auch alles rund um diesen Marathon Spitze war. Die erste Verpflegung war schon nach 3 km. Und es gibt alles, was das Läuferherz begehrt. Auch Cola, Schokolade oder Salzgebäck. Wie immer seit meinem Comeback beim Tallin Marathon 2016 beginne ich laufend mit 2 km.
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Hier war es dieser mörderische - fast Parkour könnte man sagen - Stich nach oben, aber ich bin ja dann meine 2 min gegangen.

Dann wieder 2 km Laufen und ich bin dann so froh, wieder 2 min gehen zu können. Sagenhaft für mich, wie ich die 5 km in ca. 35 min durchlaufe.Jetzt ist es nicht mehr ganz so hügelig, aber es geht insgesamt gesehen doch weiter hoch. Ich laufe für mich all ein. Durch meine Tempowechsel werde ich leider keine Begleiter haben. Ich halte das Tempo so weiter genau ein, unabhängig des Streckenprofils.

Es wird inzwischen immer wärmer. Km 10, oha, ich bin gut drauf, reichlich 65 min unterwegs. Nur noch ca. 5 km Laufen/Gehen bis km 15, dann nur noch Gehen. Es geht weiter hoch, zwischendurch sind liebevoll vorbereitete Verpflegungsstellen. Jetzt ist km 15, was tun? Bin noch fit, verflucht ich mach‘s, ich laufe/gehe doch noch weiter. Da ist km 16, ja, es geht von „oben“ total runter ins Tal, für mich Gift, denn das staucht in der Hüfte. Also alternativ ganz kleine Trippelschritte machen! Herrlich, ich lache, ich komme mir vor wie eine japanische Geisha, die durch ihren enganliegenden Kimono nur ganz kurze Schrittchen machen kann, Trippel, Trippel. Komisch, Erinnerungen an Japan werden wach, wo mein Freund Micha und ich selbst wenige Tage in einem Ryokan (traditionelle japanische Herberge) einen Kimono getragen haben. Unten im Tal angekommen, laufe ich weiter auf der Landstraße.

Links und rechts sind jetzt wieder mehr Häuser, meist unverputzt und herrlich bestellte Felder. Da rechts, der Wahnsinn, was machen die? Ich muss im Vorbeigehen zusehen, wie gerade drei Mann eine Ziege schlachten. Oha, ich bin noch voll in der Zeit. Rechne ich jetzt hoch, na ja, anstatt der 6:15 h könnte ich in 5:45 h im Ziel sein.

Dass dank der Planänderung, zwischen 15 und 20 km doch noch Laufabschnitte einzubauen. Jetzt km 20…himmlisch! Ich bin noch total fit. Aber ab hier wird nur noch gegangen. Da ist links ein altes Bauerhaus und was ist das? Ein frisch gebratenes Spanferkel lehnt aufgespießt an der Hauswand, das ist so geil! Die zwei Bauern winken mich ran. „Hier, kosten sie bitte“. „Ich“? „Ja, na klar“, ich esse jetzt mal mitten in einem Marathon von einem herrlich knusprigen Schwein die geilste Schwarte, die ich je aß. Unglaublich, wie schmeckt das, oh Gott, herrlich, Die Männer sagen, ich soll reinkommen und mit ihnen gleich darauf ein paar Schnäpse trinken. Hätte ich es gemacht, dann wäre ich jetzt sicherlich noch da. Ich danke den Männern für ihre Gastfreundschaft und gehe langsam weiter, genüsslich streichelte ich mir über den Bauch. War das gut.

Es kommt km 25, ich bin top drauf, trotz der Wärme, es sind 30 Grad, die Sonne brennt. Jetzt muss ich immer wieder Wasser über meinen Kopf schütten. Bei km 28 dreht die Laufstrecke von Rudice ein Stück Richtung Donji Dobretin. Oh, und es geht doch wieder ziemlich hoch und ist wieder hügelig.

Bei ca. 32 km ist der Wendepunkt. Allmählich überholt mich ein Läufer nach dem anderen, all die, die bisher noch hinter mir waren. Damit muss ich als Geher ab dem km 20 leben. Ich freue mich, die anderen zu sehen und grüße nacheinander die vorbeiziehenden Läufer, Mario, Dan und da kommt Doris. Herrlich an den Wegrändern die Felder mit der Gerste und dem roten Mohn. Dann ist km 35 auf die Straße geschrieben. Ich gehe rüber auf die breite Landstraße Richtung Novi Grad, es ist brütend heiß. Ab und zu, vielleicht alle 100 m, ist ein Verkehrshütchen aufgestellt. Na ja, die Autofahrer sollen wissen, das hier „was ist“. Da hinten ist ein Tankwagen mit Wasser, oh je, erfrischen! Ich muss noch dazusagen, ganz toll, auch nebenbei fuhr ab und zu zusätzlich ein Auto vorbei, wo der freundliche Fahrer Getränke anbot, also Verdursten konnte man trotz dieser Hitze keineswegs.

Endlich komme ich am Ortseingangsschild von Novi Grad an. Und da ist es, das 40 km Schild. So geil! Hier gehe ich links weiter und folge den aufgemalten Straßenmarkierungen, es muss doch bald das Ziel kommen!

Links hinten sehe ich über dem Fluss Una unser Hotel und „Jaaaaa“, da vorn sehe ich Andre, oh, er hat gewartet, obwohl er doch schon so lange im Ziel gewesen sein musste. Genau wie ich es zwischendurch ausgerechnet hatte, gehe ich unter dem Klatschen der noch anwesenden Läufer und Zuschauer in 5:46:08 h durchs Ziel.
Spitze! Freibier und gute Laune, Land 73, was wollte ich mehr? Und nach mir kommen noch 2 Läufer, also war ich doch nicht ganz der Letzte. Und Andre? Hatte seine Bestzeit nicht ganz geschafft, das war auch nicht drin bei diesen zermürbenden Hügeln und dieser Affenhitze. Aber er hatte eine tolle Platzierung, Gesamtwertung: 7. Platz, alle Achtung, Respekt! Ich zolle den Veranstaltern den größten Respekt. Dieser Marathon war mit Liebe und Hingabe gespickt, prima.
28.05.: Lockere Autotour von Bosnien und Herzegowina nach Kroatiens Hauptstadt Zagreb und mit dem Flugzeug zurück nach Dresden.

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